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Schweizerisches Zentrum für Islam und Gesellschaft: Rückblick und Ausblick

Aktuelle Mitteilung
9.8.2017

Das Schweizerische Zentrum für Islam und Gesellschaft (SZIG) an der Universität Freiburg hat im Januar 2015 seine Arbeit aufgenommen. Wie hat sich das Zentrum seither entwickelt? Wer nimmt am Doktoratsprogramm „Islam und Gesellschaft: Islamisch-theologische Studien“ teil? Das SZIG gibt Einblicke in aktuelle Entwicklungen.

Im Rahmen des Doktoratsprogramm „Islam und Gesellschaft: Islamisch-theologische Studien“ promovieren seit Mai 2016 am SZIG drei Doktorierende:

  • Alexander Boehmler M.A. hat an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main Religionswissenschaften mit den Hauptfächern Islamische Religionswissenschaft und Jüdisch-Christliche Religionswissenschaft studiert und ist seit Mai 2016 Doktorand am SZIG. Seine Dissertation trägt den Arbeitstitel „Räume eines Schweizer Islams – Wissenssoziologische, theologische und ethische Perspektiven in Anknüpfung an Frithjof Schuon (1907-1998)“. Dabei geht Alexander Boehmler der Frage nach, inwiefern der Basler Konvertit Schuon – als Gründer einer der ersten muslimischen Gemeinschaften in der Schweiz – Anknüpfungspunkte für den Aufbau islamisch-theologischer Studien in der Schweiz bietet und wie sein Ansatz in einer multireligiösen Gesellschaft fruchtbar gemacht werden kann. In einer Dreiteilung beschäftigt sich die Dissertation in einem wissenssoziologischen Teil mit Schuons Denken aus einer ideengeschichtlichen Perspektive, beleuchtet im theologischen Teil seine Schriften textanalytisch und untersucht in einem dritten Teil deren ethisch-normativen Gehalt.
  • Arlinda Amiti M.A. studierte an der Universität Basel Iberoromanistik und Islamwissenschaft im Bachelor und schloss 2015 in Iberoromanistik und Near and Middle Eastern Studies mit dem Master ab. Seit September 2016 ist sie als Doktorandin und Koordinatorin des Doktoratsprogramms „Islam und Gesellschaft: Islamisch-theologische Studien“ am SZIG tätig. Ihr Promotionsvorhaben trägt den Arbeitstitel „Der ‚Albanische Islam‘ - Gegenwärtige Rezeption und Auslegung des Islams bei albanisch-muslimischen Gemeinschaften in der Schweiz“. Die Arbeit rückt die albanischsprachigen Muslime in den Fokus, welche zahlenmässig die grösste Gemeinschaft in der Schweiz bilden. Im Zentrum stehen dabei Wechselwirkungen zwischen der albanischen Diaspora in der Schweiz und den Herkunftsländern. Dabei wird der Frage nachgegangen, welche Islamrezeption in den jeweiligen Kontexten vorherrscht und inwiefern sich das Islamverständnis innerhalb der hiesigen albanischen Gemeinschaft von demjenigen in ihren Herkunftsländern unterscheidet.
  • Baptiste Brodard M.A. hat an der Universität Paris VII Politikwissenschaft im Bachelor studiert und 2011 den Master in Sozialwissenschaft an der Universität Freiburg erworben. Er ist seit November 2016 Doktorand am SZIG. Sein französischsprachiges Dissertationsprojekt trägt den Arbeitstitel „Action sociale musulmane dans le contexte européen – expressions de la lutte contre la pauvreté en Suisse et en Angleterre“. Die Arbeit fokussiert sich auf die muslimische Sozialarbeit und untersucht die karitativen Angebote von muslimischen Vereinen sowie die sozialen, politischen, kulturellen und theologischen Aspekte bei der Begründung und Auswahl ihrer Angebote. Anhand des Kampfes gegen Armut soll das Spannungsfeld einer konfessionellen sozialen Arbeit aufgezeigt werden, die sich zwischen den partikularen Interessen einer Religionsgemeinschaft und einer universellen Logik der sozialen Arbeit bewegt.

Darüber hinaus wirkt Esma Isis-Arnautovic M.A. im Doktoratsprogramm mit. Sie hat Islamwissenschaften an der Universität Bern sowie Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Freiburg studiert und beide Fächer 2014 mit dem Master abgeschlossen. Seit Januar 2015 ist sie als Diplomassistentin am SZIG tätig und am Aufbau des Zentrum sowie seiner vielfältigen Projekte beteiligt. Ihre Dissertation trägt den Arbeitstitel „Die koranische Bestimmung des Menschen – Entwurf einer theologischen Anthropologie im Islam“. Darin reflektiert sie aus einer systematischen Perspektive heraus die Rolle des Menschen innerhalb der Offenbarung und diskutiert die daraus resultierenden Implikationen und Konsequenzen für eine islamische Anthropologie.

Entwicklungen am SZIG - 2015

Das Schweizerische Zentrum für Islam und Gesellschaft (SZIG) hat im Januar 2015 seine Tätigkeit aufgenommen. Zu Beginn standen organisatorische und strukturelle Fragen im Vordergrund, zu denen insbesondere die Feldklärung, die Präzisierung des Profils, die interne und externe Kommunikation sowie die Entwicklung von unterschiedlichen Projekten gehörten. Im Zuge dieser Aufbauarbeit wurden eine eigene Homepage sowie entsprechendes Informationsmaterial zu den jeweiligen Projekten erstellt. Darüber hinaus wurden Kooperationen mit dem Zentrum für Religionsforschung der Universität Luzern, dem Institut für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie der Universität Bern, der Pädagogischen Hochschule Freiburg sowie Partneruniversitäten im europäischen Ausland in die Wege geleitet. Personell wurde das Zentrum von PD Dr. Hansjörg Schmid geleitet und ab September von Dr. Serdar Kurnaz als Co-Leiter unterstützt.

Unter der Mitarbeit der Diplomassistentin Esma Isis-Arnautovic M.A. wurde in Zusammenarbeit mit dem Institut für das Studium der Religionen und den interreligiösen Dialog (IRD) der Universität Freiburg im November eine Tagung mit dem Titel „Zwischen Moschee, Gesellschaft und Universität – Islamische Selbstauslegung im Dialog“ organisiert. Sie thematisierte die interdisziplinären und inhaltlichen Debatten über Profile islamischer Selbstauslegung in der Schweiz und diente insbesondere der Bekanntmachung des Doktoratsprogramms und Vernetzung von potentiellen Doktorierenden.

Im Bereich der Weiterbildung haben die zwei Projektmitarbeiterinnen lic. sc. rel. Andrea Lang und Dr. Mallory Schneuwly Purdie mit Unterstützung des Staatssekretariats für Migration (SEM) eine einjährige Studie zur islambezogenen Weiterbildung in der Schweiz durchgeführt. Dabei wurde einerseits untersucht, welche Weiterbildungsangebote im Feld Islam und Gesellschaft bereits existieren. Andererseits wurde mittels qualitativer Experteninterviews auch der konkrete Bedarf an Weiterbildungen erhoben. Die Ergebnisse der Studie wurden im Schlussbericht Islambezogene Weiterbildung in der Schweiz - Bestandsaufnahme und Bedarfsanalyse publiziert.

Mit der Annahme der Statuten Ende 2015 durch den Senat hat das SZIG eine interfakultäre Struktur erhalten und wird nunmehr gemeinsam von der Theologischen, der Rechtswissenschaftlichen und der Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg getragen.

Entwicklungen am SZIG - 2016

Die Schwerpunkte im Jahr 2016 lagen vor allem auf dem Aufbau des Doktoratsprogramms, der Konsolidierung von verschiedenen Weiterbildungsaktivitäten sowie der weiteren inhaltlichen Ausdifferenzierung.

Im Mai 2016 veranstaltete das SZIG in Zusammenarbeit mit dem Institut für Religionsrecht der Universität Freiburg und dem Institut de sciences sociales des religions contemporaines der Universität Lausanne eine zweisprachige und interdisziplinäre Tagung zu „Spitalseelsorge in einer vielfältigen Schweiz – Interreligiöse, rechtliche und praktische Herausforderungen“, an der rund 120 Personen teilnahmen. Darüber hinaus wurde in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Gesellschaft Mittlerer Osten und Islamische Kulturen (SGMOIK) und der Schweizerischen Asiengesellschaft (SAG) eine Tagung in einem kleineren Rahmen zur muslimischen Wohlfahrt auf Französisch organisiert. Im Juni 2016 fand darüber hinaus die offizielle Eröffnungsfeier des SZIG statt, an der mehr als 250 Gäste aus Wissenschaft, Politik, Gesellschaft sowie aus muslimischen Organisationen anwesend waren.

Nach dem erfolgreichen Abschluss des ersten Projektes im Bereich der Weiterbildung wurde aufbauend auf den Ergebnissen der Bestandaufnahme und Bedarfsanalyse das zweijährige Folgeprojekt „Muslimische Organisationen als gesellschaftliche Akteure“ lanciert, das vom Staatssekretariat für Migration (SEM) und der Fachstelle für Rassismusbekämpfung (FRB) unterstützt wird. Im Zentrum stehen dabei Workshops zu den fünf Themenschwerpunkten Jugendarbeit, Kommunikation und Medien, Radikalisierung und Prävention, Gender und Seelsorge, die in Zusammenarbeit mit Fachexperten und muslimischen Vereinen organisiert und durchgeführt werden. Im Anschluss daran sollen Themenhefte entstehen.

Seit Juli ist das SZIG verantwortlich für die Evaluation eines Pilotprojektes zur muslimischen Asylseelsorge. Diese wird unter der Verantwortung des Staatssekretariats für Migration (SEM) im Testbetrieb Zürich mit der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ) als Kooperationspartner durchgeführt und vom SZIG evaluiert. Die Evaluation untersucht, welchen Nutzen ein solches Angebot hat und ob eine flächendeckende Einführung einer muslimischen Seelsorge in den Bundesasylzentren möglich ist. Für die Evaluation wird das SZIG von Dr. Amir Sheikhzadegan ergänzt. Personell wurde das Team zudem durch Valérie Benghezal im Sekretariat verstärkt. Nachdem Serdar Kurnaz im September zum Professor an der Universität Hamburg berufen wurde, konnte das SZIG Hureyre Kam als Lektor für die Zeit von September 2016 bis März 2017 gewinnen.

Entwicklungen am SZIG - 2017

Am 22. und 23. Februar 2017 fand auf dem Campus Pérolles der Universität Freiburg eine englischsprachige Tagung mit dem Titel „Islam – Knowledge - Power. Interactions from a Theological and Historical Perspective“ statt. Sie wurde als erste Tagung im Rahmen des Doktoratsprogramms „Islam und Gesellschaft: Islamisch-theologische Studien“, das von der Stiftung Mercator Schweiz gefördert wird, zusammen vom Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft (SZIG) der Universität Freiburg und dem Graduiertenkolleg Islamische Theologie aus Deutschland organisiert. Die Tagung bestand aus einem öffentlichen Vortrag von Imam Tariq Oubrou mit einer anschliessenden Podiumsdiskussion sowie einer Fachtagung mit namhaften Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland. Inhaltlicher Leitfaden war dabei die Reflexion über das Verhältnis von Theologie und Politik in Geschichte und Gegenwart. Gerade der Aufbau islamisch-theologischer Studien, welcher derzeit an mehreren europäischen Universitäten stattfindet, vollzieht sich in einem Spannungsfeld zwischen Wissen(schaft) und Macht(strukturen). Das Fach steht somit nicht nur seitens der Gesellschaft, Politik, muslimischen Glaubensgemeinschaften und Wissenschaft vor unterschiedlichen Erwartungen, sondern auch vor der anspruchsvollen Aufgabe, sich wissenschaftstheoretisch, methodisch und kontextbezogen zu verorten. So wurden an der Tagung die Entwicklungen islamischer Wissensbestände und deren Verhältnis zu diskursiven und politischen Ordnungen eingehend diskutiert, Veränderungen aufgrund unterschiedlicher Herrschaftssysteme festgestellt und Wechselwirkungen zwischen religiösen Wissenssystemen und gesellschaftlichen Kontexten angesprochen.

Ein wichtiger Meilenstein war auch die Berufung von Hansjörg Schmid zum Professor für interreligiöse Ethik. Personell wird zum 1. September 2017 Dr. Amir Dziri seine Tätigkeit als Professor für Islamische Studien und Co-Direktor des SZIG aufnehmen. In Bezug auf das Doktoratsprogramm „Islam und Gesellschaft: Islamisch-theologische Studien“ hat im Anschluss an die Ausschreibung der Stipendien die zweite Runde der Auswahlgespräche stattgefunden. Im Laufe des Jahres sollen drei weitere Kandidaten ins Doktoratsprogramm aufgenommen werden.

Im Herbstsemester 2017 startet zudem das neue Masternebenprogramm „Islam und Gesellschaft“ des SZIG, das sich aus den Modulen „Gesellschaftliche Perspektiven auf den Islam“ und „Islamisches Denken in Europa“ zusammensetzt. Das Programm vermittelt Kompetenzen für einen differenzierten Umgang mit komplexen Debatten, indem es zentrale Fragen des muslimisch-religiösen Selbstverständnisses aufgreift.

Mehr Informationen

www.unifr.ch/szig 

Projektpartner

Das Schweizerische Zentrum für Islam und Gesellschaft (SZIG) der Universität Freiburg widmet sich der islamischen Selbstreflexion und deren wissenschaftlicher Ausgestaltung und Verortung an einer Universität. Die Hauptaufgabe des SZIG besteht darin, erstmals eine wissenschaftliche islamische Selbstauslegung in der Schweiz auf­zubauen und diese im Rahmen einer Universität zu verankern. Das SZIG ist dialogisch und interdisziplinär ausgerichtet und fokussiert sich auf die drei Arbeitsfelder Forschung, Lehre und Weiterbildung.

Kontakt

Schweizerisches Zentrum für Islam und Gesellschaft
Arlinda Amiti
Koordinatorin Doktoratsprogramm
+41 26 300 90 47
arlinda.amiti@unifr.ch 

Stiftung Mercator Schweiz
Patric Schatzmann
Projektmanager
+41 44 206 55 91
p.schatzmann@stiftung-mercator.ch 

Projekt

Islam und Gesellschaft: Islamisch-theologische Studien


Themenbereich

Verständigung

Handlungsfeld

Umgang mit Vielfalt

Projektpartner

Universität Freiburg, Schweizerisches Zentrum für Islam und Gesellschaft

Förderbetrag

CHF 1'430'000

Förderlaufzeit

2015-2021