Auf der Suche nach dem globalen Glück

Aktuelle Mitteilung
12.12.2019

Die Ausstellung «Global Happiness» stellt Glücksgeschichten aus aller Welt vor und zeigt, was Glück mit Nachhaltigkeit zu tun hat. Ein Gespräch mit Ausstellungsmacherin Nadja R. Buser von Helvetas.

Die Ausstellung «Global Happiness» der Entwicklungsorganisation Helvetas nimmt eine der drängendsten Fragen unserer Zeit auf: Was macht uns glücklich – und wie können alle zufrieden auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen leben? Die Wanderausstellung ist noch bis zum 1. März 2020 im Naturama Aargau zu sehen. Anschliessend wandert sie vier Jahre lang durch Museen in der Deutschschweiz, in der Romandie und in Liechtenstein.

Dem Team rund um Ausstellungsmacherin Nadja R. Buser war es wichtig, Unterhaltung und Information zu verbinden: Die Ausstellung lädt die Besucherinnen und Besucher dazu ein, sich auf einer interaktiven Entdeckungsreise auf die Suche nach dem globalen Glück zu begeben und dabei Bezüge zu den nachhaltigen Entwicklungszielen der UNO herzustellen. Führungen, Angebote für Schulen und viele Veranstaltungen runden das Rahmenprogramm ab. Wir haben mit der Ausstellungsmacherin über nachhaltiges Glück und ihr aktuelles Projekt «Global Happiness» gesprochen.

Frau Buser, was brauchen wir zum Glücklichsein?

Nadja R. Buser: Die Glücksforschung zeigt: Nach der Befriedigung wichtiger Bedürfnisse ist es nicht das Anhäufen materieller Dinge, das uns glücklich macht. Glücklich macht uns vielmehr die Beschäftigung mit dem, was wir gut und gerne tun. Dazu gehören immaterielle Werte wie die aktive Pflege von Beziehungen. Visionen, die dem eigenen Leben einen Sinn geben. Das Leben im Hier und Jetzt. Doch in der Schweiz steht häufig immer noch das Materielle zu sehr im Zentrum. Würden wir unseren Konsum reduzieren, bliebe uns viel mehr Zeit, um uns dem zu widmen, was wirklich zufrieden macht. Für viele ist das zum Beispiel Zeit mit Freunden zu verbringen.

Im Weltglücksbericht der Vereinten Nationen steht die Schweiz 2019 an sechster Stelle. Wie interpretieren Sie das?

Nadja R. Buser: Die Schweiz schneidet in der Messung immer sehr gut ab. Dies wird vor allem erklärt durch den Wohlstand, das gut funktionierende Gesundheitssystem, die guten sozialen Netzwerke, das Vertrauen in Staat und Wirtschaft sowie durch die Möglichkeit, relativ frei über das eigene Leben entscheiden zu können. Neben dem Weltglücksbericht der UNO finde ich alternative Glücksberichte wie den Happy-Planet-Index wichtig. Dieser kombiniert das Wohlbefinden der Menschen in einem Land mit dem ökologischen Fussabdruck. So wird deutlich, dass viele Staaten, die beim UNO-Glücksbericht gut abschneiden, ihr Glück teuer erkaufen, weil sie die planetaren Ressourcen überstrapazieren. Glücklich sein und zugleich nachhaltig leben – das müsste das Ziel sein. Von dieser Glücksdefinition ist die Schweiz noch weit entfernt.

Warum hat sich Helvetas mit der Ausstellung «Global Happiness» des Themas Glück angenommen?

Nadja R. Buser: Glück ist ein Thema, das alle Menschen auf der Welt bewegt. In Zeiten, in denen wir täglich Schreckensmeldungen lesen, wollten wir ein Thema ins Zentrum stellen, das positiv besetzt ist und zu Veränderung motiviert. Die aktuelle Auseinandersetzung mit der Klimaveränderung, den begrenzten Ressourcen und den UNO-Zielen für eine nachhaltige Entwicklung zeigen, dass erst nachhaltiges Glück zu globalem Glück führt. Nachhaltiges Glück trägt zu persönlicher, gemeinschaftlicher und globaler Zufriedenheit bei und schädigt weder Umwelt, Menschen noch kommende Generationen. Von diesem Glücksansatz geht auch Helvetas aus.

Wie behandeln Sie das Thema Glück in der Ausstellung «Global Happiness»?

Nadja R. Buser: Glück ist ein hoch spannendes Thema. Meistens wird es jedoch nur aus subjektiver Perspektive betrachtet. In der Ausstellung gehen wir einen Schritt weiter und verbinden die zwei Themen Glück und Nachhaltigkeit. Die Besucherinnen und Besucher wandeln durch die als Gartenlandschaft gestaltete Ausstellung und besuchen sechs Themenpavillons. Sie können unter anderem ihr Glücksniveau messen, die Wohnung einer jungen Minimalistin besuchen, durch ein visionäres Quartier in Santiago de Chile wandeln und sich mit dem Bruttonationalglück in Bhutan auseinandersetzen. Von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erfahren sie, was die Forschung über Glück herausgefunden hat. Ein persönlicher Glückstest zeigt den Gästen, wie sie glücklicher werden können. Und an einer Fotostation können sie digitale Glückspost-Grüsse an ihre Liebsten schicken.

Was war Ihnen bei der Konzeption der Ausstellung wichtig?

Nadja R. Buser: Wir wollten unbedingt die Resultate der Glücksforschung miteinbeziehen. Es gibt viele Glücksratgeber, die leider sehr oberflächlich sind. Dabei hat die Glücksforschung, die seit den 1980er Jahren vor allem auf dem Gebiet der Psychologie und in den Wirtschaftswissenschaften boomt, sehr viel herausgefunden, von dem man lernen kann. Zudem wollten wir auch unbedingt ganz normale Leute in verschiedenen Ländern fragen, was Glück für sie bedeutet, und die Ergebnisse in der Ausstellung zeigen.  

Sehr persönlich ist auch der Glücksfundus der Ausstellung. Welche Idee steckt hinter dieser Sammlung?

Nadja R. Buser: Mit dem Glücksfundus schaffen wir einen regionalen Bezug zu den verschiedenen Ausstellungsorten. Die Sammlung besteht aus Glücksobjekten von Menschen aus der ganzen Welt. Ein Teil des Glücksfundus zeigt Objekte von Menschen aus der jeweiligen Region und wird bei jedem Standortwechsel neu bestückt. Die ausgestellten Objekte symbolisieren für je eine Person das ganz persönliche Glück. Der Glücksfundus inspiriert und regt dazu an, eigene Glücksgegenstände für sich ausfindig zu machen.

Kamm, Stofftier, Wasserkrug, Spielzeugauto… Die Objekte im Glücksfundus könnten nicht unterschiedlicher sein. Welches sind Ihre Lieblingsobjekte?

Nadja R. Buser: Sehr gut gefällt mir das Flügelflammenherz, das für eine tiefe Liebe eines Paares aus dem Aargau steht. Die zwei hatten dieses Symbol schon lange vor Augen, und unser Zeichner hat es dann grafisch umgesetzt. Vielleicht lässt sich das Paar das Symbol mal tätowieren. Schön finde ich auch das Spielzeugauto aus alten Dosen. Mit Recyclingobjekten wie diesem verdient ein junger Mann aus Mali seinen Lebensunterhalt. Für ihn bedeutet das Objekt finanzielle Unabhängigkeit. Toll war bei der Suche nach diesen Glücksobjekten, dass sich viele Menschen schnell auf sehr intime Gespräche übers Glück eingelassen haben. Sie haben uns unglaublich viel Persönliches erzählt. Das war sehr berührend.

Was haben Sie persönlich über das Thema Glück gelernt, als Sie die Ausstellung erarbeitet haben?

Nadja R. Buser: Wir haben Strasseninterviews in Guatemala, Bhutan, Mali und der Schweiz gemacht. Extrem beeindruckt haben mich viele Menschen, die in einfachen Verhältnissen leben – und eine Art Glücksweisheit besitzen. Ich erinnere mich an eine Frau aus Mali, die Pech in der Liebe hatte und sich von ihrem Mann trennte. Letztendlich war es für sie ein Glücksfall, wie sie erzählte. Sie wurde so unabhängig. Eine Trennung und das Wegfallen eines Einkommens ist bestimmt nicht einfach, wenn man in bescheidenen Verhältnissen lebt. Es gibt aber auch traurige Geschichten wie die einer jungen Migrantin aus Genf, die sagt, dass sie nur glücklich ist, wenn sie Ferien in ihrer Heimat. Denn nur dort hat sie das Gefühl, dazuzugehören. Das stimmt nachdenklich. Wer sich mit dem Thema Glück intensiver beschäftigt, merkt: Man kann nicht darüber lesen und reden, ohne sich Gedanken zu machen, was man am eigenen Leben ändern kann, um glücklicher zu werden. Ich zum Beispiel bin nun in eine Genossenschaft gezogen, weil alle Glücksexpertinnen und -experten der Welt die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen zum wichtigsten Glücksfaktor erklären. Ob es mich wirklich glücklicher macht, erzähle ich dann in einigen Jahren. Bis jetzt sieht’s aber gut aus!

Mehr Informationen

Können wir unser Glück wirklich beeinflussen? Mit dieser Frage hat sich die Wissenschaft intensiv beschäftigt. Die Erkenntnisse sind erfreulich: Zu einem grossen Teil sind wir die Schmiedinnen und Schmiede unseres eigenen Glücks. Etwa 50 Prozent unseres Talents zum Glücklichsein ist vererbt oder wird uns in der Kindheit von den Eltern mitgegeben. In reicheren Ländern wie der Schweiz hängen nur zehn Prozent von äusseren Umständen ab. Zum Beispiel davon, wie viel wir verdienen oder wie wir wohnen. Rund 40 Prozent unseres Glücks können wir selber beeinflussen, indem wir unser Denken und Handeln bewusst steuern und unser soziales Netz pflegen. Lernen Sie im Online-Glückskurs von Helvetas in fünf abwechslungsreichen Lektionen die neusten Erkenntnisse der Glücksforschung kennen.

Informationen zur Ausstellung: www.helvetas.org/globalhappiness

Projektpartner

Die Vision von Helvetas ist eine gerechte Welt, in der alle Menschen selbstbestimmt in Würde und Sicherheit leben, die natürlichen Ressourcen nachhaltig nutzen und der Umwelt Sorge tragen. Darauf basiert ihr Auftrag, sich zu engagieren für benachteiligte Menschen und Gemeinschaften in Entwicklungsländern, die ihre Lebensbedingungen aktiv verbessern wollen. Ein wichtiges Standbein der Arbeit von Helvetas ist neben den Entwicklungsprojekten im Süden die Sensibilisierung der Schweizer Bevölkerung für entwicklungsrelevante Fragen.

Kontakt

Helvetas Swiss Intercooperation
Nadja R. Buser
Projektleiterin Ausstellungen
nadja.buser@helvetas.org

Stiftung Mercator Schweiz
Katia Weibel
Projektmanagerin
+41 44 206 55 89
k.weibel@stiftung-mercator.ch