Die Gesellschaft forscht mit

Aktuelle Mitteilung
26.11.2019

Die Partizipative Wissenschaftsakademie von ETH und Universität Zürich bringt seit einem Jahr Perspektiven aus Forschung und Gesellschaft zusammen, um Lösungen für aktuelle Fragestellungen zu suchen. Die Geschäftsführerin Susanne Tönsmann gibt im Interview Einblicke in das Angebot beider Hochschulen.

Sprachwissenschaften über Wildtierforschung bis hin zu Gesundheitsthemen: Das neue Kompetenzzentrum Citizen Science der ETH und Universität Zürich gibt Forschenden, Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit, gemeinsam wissenschaftliche Projekte zu verwirklichen. Damit die Co-Forschenden erfolgreich und auf Augenhöhe zusammenarbeiten können, organisiert die Partizipative Wissenschaftsakademie als Teil des Kompetenzzentrums Weiterbildungen und fördert Kompetenzen im partizipativen Arbeiten. Sie bringt potenzielle Partner aus Wissenschaft und Gesellschaft gezielt zusammen und ermöglicht mit Seed Grants die gemeinsame Ausarbeitung vielversprechender Forschungsideen. 2019 wurden diese Fördermittel erstmals an sieben Projekte vergeben. Ein Gespräch mit der Geschäftsführerin der Partizipativen Wissenschaftsakademie, Susanne Tönsmann, über Citizen Science und das besondere Angebot der Universität und ETH Zürich.


Frau Tönsmann, mit dem Citizen Science Center und der Partizipativen Wissenschaftsakademie fördern Universität und ETH Zürich gemeinsam die Beteiligung der Bevölkerung an der Forschung. Welche Chancen stecken in der Bürgerwissenschaft?

Susanne Tönsmann: Die Bürgerwissenschaft bietet viele Chancen. Die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern kann die Forschung verbessern, indem diese ihr oft sehr spezialisiertes Wissen zur Verfügung stellen. Zudem kann die Forschung durch die Mitwirkung der Bevölkerung relevanter werden und konkrete gesellschaftliche Probleme bearbeiten. Um diese Probleme zu identifizieren, brauchen wir den Dialog zwischen Forschenden und Bürgerinnen und Bürgern. Und nicht zuletzt bietet die Bürgerwissenschaft die Möglichkeit, das Verständnis von Wissen und Forschung weiterzuentwickeln: Was ist «richtige» akademische Forschung, was ist Expertise, was ist Wissen? Die Bürgerwissenschaft stellt die Forschung sicher nicht auf den Kopf. Aber einige Fragen stellen sich neu, wenn wir nicht mehr davon ausgehen, dass Forschungskompetenz allein in Hochschulen zuhause ist.


Welche Rolle spielt die Partizipative Wissenschaftsakademie für das neue Kompetenzzentrum von Universität und ETH Zürich?

Susanne Tönsmann: Mit der Partizipativen Wissenschaftsakademie kann das Kompetenzzentrum die ganze Bandbreite an Citizen-Science-Aktivitäten anbieten und unterstützen. Wir können in die «Breite» gehen und Projekte fördern, an denen sich sehr viele Menschen beteiligen können. Zugleich können wir in die «Tiefe» gehen und Projekte unterstützen, die eine kleinere Zahl von Personen ansprechen, die dafür aber sehr intensiv zusammenarbeiten. In Citizen-Science-Projekten kann die Rolle der Bevölkerung sehr unterschiedlich aussehen: Oft wirken Bürgerinnen und Bürger an Projekten mit, indem sie für bereits bestehende Forschungsfragen Daten sammeln, aufbereiten und interpretieren. Die Zusammenarbeit kann aber auch viel eher einsetzen, indem Bürgerinnen und Bürger zusammen mit Forschenden die Projekte designen. Ein solcher Co-Design-Prozess ist anspruchsvoll: Gemeinsam überlegen Forschende, Bürgerinnen und Bürger, was überhaupt das Problem ist, das bearbeitet werden soll. Auch die Forschungsfrage entwickeln sie zusammen. Mit den Angeboten der Partizipativen Wissenschaftsakademie können wir diese aufwändigen Prozesse des gemeinsamen Designens unterstützen, indem wir mit Kursen die nötigen Kompetenzen für das gemeinsame Forschen fördern.


Wie können Interessierte aus der Bevölkerung an der Partizipativen Wissenschaftsakademie mitwirken?

Susanne Tönsmann: Wir bieten verschiedene Veranstaltungsformate an. Eines ist ein klassisches akademisches Format, nämlich eine Ringvorlesung. Noch bis zum 11. Dezember 2019 gibt es jeden Mittwochabend eine Veranstaltung aus der Reihe Citizen Science – Potenziale für eine transformative Wissenschaft. Ums konkretere Tun geht es in den Projektateliers, die wir regelmässig anbieten. In den Ateliers können Bürgerinnen, Bürger und Forschende ihre Projektideen vorstellen und mit anderen diskutieren. Zuletzt fand es am 18. November 2019 statt. Im Januar organisieren wir zusammen mit dem Graduate Campus der UZH die Citizen Science Winter School. Doktorierende, Postdocs sowie Praktikerinnen und Praktiker von Citizen-Science-Projekten setzen sich während einer Woche mit der Frage auseinander, wie sich akademische Forschung durch die Beteiligung der Öffentlichkeit erweitern lässt. Wir sind aber auch ausserhalb der Universität zu treffen. Im Herbst waren wir zum Beispiel beim Spielfest im Gemeinschaftszentrum Schindlergut und haben uns dort mit Kindern spielerisch Forschungsfragen genähert. Solche Formate möchten wir gern auch mehr und an vielen anderen Orten anbieten.


Im Sommer 2019 hat die Partizipative Wissenschaftsakademie die ersten «Seed Grants» vergeben, um konkrete Kooperationen zwischen Wissenschaft und Bevölkerung zu fördern. Wie ist die erste Ausschreibung verlaufen?

Susanne Tönsmann: Wir waren sehr gespannt, wie die erste Ausschreibung der Seed Grants angenommen wird. Die Fördermittel richten sich an Teams aus mindestens zwei Personen, von denen eine an der UZH oder ETH arbeiten muss, während die andere Person nicht in der Forschung tätig sein sollte. Über die Resonanz haben wir uns sehr gefreut. Wir haben mehr Gesuche bekommen als wir erwartet haben. Und leider auch mehr, als wir finanziell fördern können. Das Interesse an partizipativen Ansätzen ist hoch – bei Forschenden ebenso wie bei Bürgerinnen und Bürgern. Viele Bürger, die sich bei uns gemeldet haben, interessieren sich für ein bestimmtes Thema oder sehen ein Problem in ihrer Umgebung. Wir haben im Gespräch überlegt, wie man diese Probleme mit den Mitteln der Forschung bearbeiten könnte und ob es Forschende an der UZH oder der ETH gibt, die zu diesen Themen passen. Beide Seiten zusammenzubringen, ist gar nicht so einfach. Forschende, die von Theorie und Methoden geleitet sind, und Menschen, die ein Problem bearbeiten möchten, sprechen oft verschiedene Sprachen.


Welche Projekte haben Sie zur Förderung ausgewählt?

Susanne Tönsmann: Die Gesuche, die eingereicht wurden, kamen aus sehr unterschiedlichen Disziplinen – von der Medizin über Stadtentwicklung und Klimaforschung hin zur Theologie. Die grosse Bandbreite freut mich. Das zeigt, dass es in praktisch allen Fächern und Forschungsbereichen Potenzial für partizipative Ansätze gibt. Wir haben letztendlich sieben sehr unterschiedliche Projekte ausgewählt. Darunter ist ein Projekt, das sich mit der Lebensqualität in Städten auseinandersetzt. Was bedeutet Lebensqualität, wenn sich Städte durch den Wegfall von Industrie und Arbeitsplätzen verändern? Wie kann man diese Qualität messen? Ein anderes Projekt fragt, wie Betroffene und Angehörige die Erfahrungen von Menschen nutzen können, die den Krebs besiegt haben. In einem weiteren Projekt geht den Möglichkeiten sozialer Teilhabe von geflüchteten Kindern nach. All diese Projekte könnte man sicherlich auch ohne eine partizipative Ausgestaltung realisieren. Aber die Expertise aus der Bevölkerung in diesen Themen ist so gross und wertvoll, dass diese unbedingt in der Forschung genutzt werden sollte. Bei der Auswahl der Projekte haben wir nicht nur auf die wissenschaftliche Qualität geachtet, sondern auch auf einen hohen Grad der Partizipation.


Was versprechen Sie sich von diesen Projekten?

Susanne Tönsmann: Wir versprechen uns von der Forschung natürlich gute Ergebnisse, die wir veröffentlichen möchten. Daneben interessiert uns aber auch der gemeinsame Forschungsprozess: Wie gestaltet die Gruppe die Zusammenarbeit? Was sind wichtige Stellschrauben für partizipative Projekte? Wir haben natürlich eine Vorstellung davon, was gut funktioniert – und was nicht. Aber ob die Methoden in einem Projekt, in dem es um Gesundheitsfragen geht, genauso aussehen müssen wie in einem Projekt aus der Stadtentwicklung, darauf sind wir gespannt. Wir möchten im Rahmen der Partizipativen Wissenschaftsakademie nicht nur Citizen-Science-Projekte fördern, wir möchten mit Hilfe der Projekte auch etwas über Citizen Science herausfinden. Deshalb begleiten wir die Projekte eng.

Mehr Informationen

www.pwa.uzh.ch

Projektpartner

Die Universität Zürich ist mit über 25'000 Studierenden die grösste Universität der Schweiz. Sie wurde 1833 als erste Universität in Europa von einem demokratischen Staatswesen gegründet und zählt heute im deutschsprachigen Raum zu den besten Universitäten. Sieben Fakultäten bieten vielfältige Studienmöglichkeiten auf Bachelor-, Master- und Doktoratsstufe. Ausserdem hat die Universität Zürich ein breit gefächertes Weiterbildungsportfolio.

Die ETH Zürich ist eine der weltweit führenden technisch-naturwissenschaftlichen Hochschulen. 1855 gegründet, bietet sie Forschenden heute ein inspirierendes Umfeld und ihren Studierenden eine umfassende Ausbildung. Die ETH Zürich zählt rund 18'500 Studierende aus über 110 Ländern, davon 4000 Doktorierende. Rund 500 Professorinnen und Professoren unterrichten und forschen auf den Gebieten der Ingenieurwissenschaften, Architektur, Mathematik, Naturwissenschaften, systemorientierten Wissenschaften sowie der Management- und Sozialwissenschaften.

Kontakt

Universität Zürich
Partizipative Wissenschaftsakademie
Susanne Tönsmann
Geschäftsführung
+41 44 634 4926
susanne.toensmann@uzh.ch 

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Projektmanagerin
+41 44 206 55 86
o.hoehener@stiftung-mercator.ch 

Projekt

Partizipative Wissenschaftsakademie