Ein konsequenter Blick auf das grosse Ganze

Impuls
9.6.2021

Systemischer Ansatz, systemisches Denken, systemisches Arbeiten – immer häufiger fallen diese Stichworte im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Veränderungen. Was steckt dahinter? Ein Gespräch über Wandel, Kollaborationen und die Rolle von Stiftungen.

Michael Alberg-Seberich beobachtet, dass es vielen gesellschaftlichen Akteur.innen schwerfällt, sich unter systemischem Arbeiten etwas vorzustellen. Das liege nicht daran, dass der Ansatz unglaublich kompliziert ist. «Es fehlt eine einheitliche Theorie. Organisationen müssen definieren, was der systemische Ansatz für sie und ihre Rolle bedeutet», sagt Michael Alberg-Seberich. Als Geschäftsführer von Wider Sense unterstützt und begleitet er regelmässig Stiftungen, Unternehmen sowie die öffentliche Hand in Fragen des gesellschaftlichen Wandels. Wider Sense hat auch die Stiftung Mercator Schweiz in ihrem aktuellen Strategieprozess und in der systemischeren Ausrichtung ihrer Arbeit beraten. «Um verständlich zu machen, was systemisches Arbeiten ausmacht, klären wir vielleicht zuerst, was im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Veränderungen ein System ist», schlägt Michael Alberg-Seberich vor.
 

Herr Alberg-Seberich, das ist ein guter Vorschlag. Was also ist ein System, wenn wir von gesellschaftlichem Wandel sprechen?

Michael Alberg-Seberich: Ein System kann man als eine Gruppe von interagierenden, miteinander verbundenen und voneinander abhängigen Teilen beschreiben. Diese Teile bilden ein komplexes und einheitliches Ganzes, das einen bestimmten Zweck verfolgt. Ein System, mit dem viele von uns vertraut sind, ist der Garten. Es würde keiner auf die Idee kommen, in diesem System nicht über die Wasserversorgung, die Sonne, den Dünger und das Zusammenspiel der verschiedenen Pflanzen im Beet nachzudenken. Wer systemisch arbeitet, nimmt das grosse Ganze in den Blick.

Was bedeutet dies, wenn man es auf den gesellschaftlichen Bereich überträgt?

Michael Alberg-Seberich: Betrachten wir beispielsweise das Bildungssystem: Alle Akteurinnen und Akteure in diesem System möchten, dass junge Menschen gut ausgebildet werden. Wollen nun Stiftungen und andere NPO nachhaltige Veränderungen für das Lernen von Kindern und Jugendlichen bewirken, sollten sie sich nicht nur auf die Förderung der einzelnen Schülerinnen und Schüler konzentrieren. Entscheidend ist es, auch die Prozesse, Praktiken und Rahmenbedingungen zu betrachten, die beispielsweise bestimmen, was und wie in der Schule unterrichtet wird. Dies kann die Kooperation mit der Schulverwaltung bedeuten, die Erarbeitung von Vorschlägen für ein Curriculum oder den Aufbau einer zivilgesellschaftlichen Allianz. Gefragt ist ein systemischer Ansatz, um systemische Veränderungen zu erzielen.

Welche Herausforderungen stellen sich für Akteur.innen, die systemische Veränderungen erreichen möchten?

Michael Alberg-Seberich: Sie müssen sich auf die entsprechenden Systeme ihres Tätigkeitsfelds einlassen. Sie müssen versuchen, diese zu explorieren und mit ihnen zu agieren. Zwar können sie eine Vorstellung davon haben, wie ein gutes Ergebnis des Systems aussehen kann. Doch sie müssen immer mit Unbekanntem, Unsicherheiten und Überraschungen in ihrer Arbeit leben – und das fällt vielen schwer. In den meisten Fällen kann eine Organisation ein System nicht allein verändern. Entscheidend ist es, mit anderen Sektoren wie dem Staat oder der Wirtschaft zusammenzuarbeiten. Nicht ohne Grund sind bestimmte Formen der Kollaboration – wie der Ansatz «collective impact» beziehungsweise «Gemeinsam Wirken» – in den letzten Jahren im Non-Profit-Sektor von so grosser Bedeutung.

Wie gelingen sektorübergreifende Kollaborationen?

Michael Alberg-Seberich: Das Geheimnis ist: Vertrauen. Dieses muss man aufbauen und durch ein transparentes, partizipatives Agieren laufend pflegen. Insbesondere bei sektorübergreifenden Kollaborationen helfen gemeinsame Prinzipien. Der Ansatz «collective impact» beispielsweise baut auf fünf Prinzipien auf: Als Basis braucht es eine gemeinsame Zielsetzung, um Know-how und Ressourcen aller Beteiligten wirkungsvoll einzusetzen. Eine unabhängige Koordinationsstelle fördert die Kooperation, hält die Akteurinnen und Akteure zusammen, setzt Impulse und entlastet. Wichtig sind auch die Überprüfung der Wirkung mithilfe eines gemeinsamen Systems, sich ergänzende Aktivitäten der Beteiligten sowie eine regelmässige Kommunikation. Komplexe Probleme lassen sich nur durch sektorübergreifende Zusammenarbeit lösen. Und damit diese gelingt, braucht es eine klare Struktur.

Welche Rolle können speziell Förderstiftungen für systemische Veränderungen spielen?

Michael Alberg-Seberich: Förderstiftungen haben die Möglichkeit, systematisch das Generieren und Aufbereiten von Wissen zu bestimmten Themen zu unterstützen. Sie können ihre eigenen Erfahrungen und ihr Wissen aus verschiedenen Projekten einbringen: Was hat – beispielsweise in der Bildung – gut funktioniert, was nicht? Sie können schliesslich eine aktivere Rolle einnehmen und Initiativen unterstützen, die systemische Veränderungen in einem bestimmten Thema voranbringen wollen. Oder sie können gezielt Dialog und Kollaborationen ermöglichen, indem sie als neutrale Vermittlerin Raum zum Austausch bieten und Menschen zusammenbringen.

Welche Rolle spielt die traditionelle Projektförderung im systemischen Ansatz?

Michael Alberg-Seberich: Das eine geht nicht ohne das andere. Es braucht ein starkes Ökosystem aus gesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren, die mit ihren Projekten praktische Erfahrungen sammeln, Beispiele für funktionierende Ansätze schaffen und erfolgreiche Lösungen in die Breite tragen, die sich idealerweise ergänzen. Die Erfahrungen aus Projekten sind zudem unerlässlich, um überhaupt darüber reden zu können, wie die Rahmenbedingungen verändert werden müssen. Und wir dürfen nicht vergessen: Es braucht nicht in jedem Fall eine regulatorische Lösung. In einigen Fällen sind Einstellungs- und Verhaltensänderungen nötig. Und dafür braucht es dann nach wie vor Sensibilisierungsprojekte.

Wie müssen Förderstiftungen sich und ihre Praxis weiterentwickeln, um systemisch zu arbeiten?

Michael Alberg-Seberich: Wer systemischen Wandel erreichen will, muss langfristige Perspektiven erlauben. Deshalb sollten Förderstiftungen mit diesem Ziel auch die operativen Strukturen von zivilgesellschaftlichen Partnern stärken. Wenn sie gemeinsam mit Geförderten Programme entwickeln und sie in Entscheidungsprozesse einbinden, verstärken Stiftungen die gesellschaftliche Wirkung ihres Handelns; dasselbe gilt für sektorübergreifende Partnerschaften. Stiftungen können gemeinnützigen Organisationen helfen, indem sie ihnen über finanzielle Mittel hinaus auch Kontakte, Zugang zu Netzwerken vermitteln und sich selbst mit Know-how einbringen. Das «Wie» des Gebens muss sich verändern. Dies bedeutet auch, dass Stiftungen sich mit ihrer Organisationskultur und den eigenen Haltungen auseinandersetzen. Sie müssen sich selbst immer wieder hinterfragen. Gesellschaftlicher Wandel ist ein komplexer, iterativer Prozess ist. Das Handeln der Stiftung entwickelt sich weiter durch ihre Praxis.

Warum lohnt es sich für Stiftungen, den Weg hin zu einem systemischen Ansatz zu gehen?

Michael Alberg-Seberich: Wir diskutieren alle die ständig komplexer werdenden Herausforderungen in unseren Gesellschaften. Die Corona-Pandemie, aber vor allem auch die Diskussionen um den Klimawandel und soziale Gerechtigkeit zeigen, dass wir einen systemischen Blick auf gesellschaftlichen Wandel benötigen. Nur so lassen sich nachhaltige und wirkungsvolle Veränderungen erzielen. Wichtig ist dabei, als Stiftung bewährte Werkzeuge nicht einfach wegzuwerfen. Denn auch systemische Veränderung bedarf guter Analyse, viel Dialog und Neugierde für Veränderung.

Mehr Informationen

Michael Alberg-Seberich
ist Geschäftsführer von Wider Sense. Er unterstützt und begleitet Stiftungen, Unternehmen und die öffentliche Hand in Fragen des sozialen Wandels. Zuvor war er unter anderem in leitenden Positionen bei der Bertelsmann Stiftung in den Themen Demokratie, Menschenrechte und Toleranzerziehung tätig. Der Philanthropie-Experte engagiert sich für die Initiative #VertrauenMachtWirkung, deren Mitglieder über die Zukunft von Stiftungen reflektieren und unter anderem neun Thesen für die Entwicklung des Stiftungssektors formuliert haben.

collective impact / Gemeinsam Wirken
Komplexe gesellschaftliche Herausforderungen können nur durch sektorübergreifende Kooperationen gelöst werden. Doch wie bringt man unterschiedliche Akteure zusammen? Und wie erreicht man eine wirkungsvolle und zielorientierte Zusammenarbeit? Antworten auf diese Fragen bietet der Praxisratgeber «Gemeinsam Wirken» der Bertelsmann Stiftung.