Für eine demokratische digitale Öffentlichkeit

Impuls
9.7.2020

Die aktuelle Kritik an Sozialen Medien ist zwar berechtigt, zielt aber am eigentlichen Problem der digitalen Öffentlichkeit vorbei. Wir brauchen dringend eine breite gesellschaftliche Debatte darüber, was wir von den sozialen Plattformen als neue Gatekeeper der Öffentlichkeit erwarten und wie wir das politisch erreichen wollen.

Von Riccardo Ramacci,
wissenschaftlicher Mitarbeiter im Programm «Digitalisierung + Gesellschaft»

Nachdem Facebook während der Corona-Pandemie und den Black-Lives-Matter-Protesten erneut seine Probleme mit Desinformation, Rechtsextremismus und Hassrede offenbarte, prasselt aktuell wieder massive Kritik auf das US-Unternehmen ein. Mit der internationalen Kampagne «Stop Hate for Profit» konnte ein Verbund aus NGOs über 900 Unternehmen dazu bewegen, ihre Werbegelder zumindest temporär von Facebook abzuziehen. Ziel der Kampagne ist es, den Druck auf die Plattform zu erhöhen, endlich konsequenter gegen Desinformation und Hass in den sozialen Medien vorzugehen, statt daran zu verdienen.

Öffentlicher Druck und politischer Gegenwind

Neben dem öffentlichen Druck erfährt Facebook zunehmend politischen Gegenwind. Behörden und Regierungen weltweit, allen voran die EU-Kommission, tüfteln an neuen Regelwerken, um die sozialen Medien zu mehr Rechenschaftspflicht zu zwingen. Facebook muss dabei in der Öffentlichkeit derzeit als prominentester Stellvertreter herhalten. Hassrede und Desinformation sind aber keine exklusiven Probleme von Facebook, sondern kommen auf fast allen Plattformen vor. Es geht bei den neuen Regulierungen unter anderem um die Gretchenfrage, ob die Plattformen auch verantwortlich für die auf ihnen publizierten Inhalte sind.

So berechtigt die Kritik an Facebook sein mag, so verkürzt ist es, ein einzelnes Unternehmen anzuprangern. Um es klarzustellen: Facebooks Verhalten muss kritisiert werden. Insbesondere, da sich Facebook wie schon in der Vergangenheit ziemlich unbeeindruckt von den Vorwürfen zeigt. Doch die Kritik an einem einzelnen Unternehmen verfehlt den eigentlichen Kern des Problems der neuen digitalen Öffentlichkeit: Bisher waren Massenmedien die Torwächter der Öffentlichkeit, indem sie Inhalte und Information aufbereitet und verbreitet haben. Diese wichtige «Gatekeeping-Funktion» wurde inzwischen de facto an die sozialen Medien übertragen, deren primäres Geschäftsmodell aus dem Schalten von Werbeanzeigen besteht.

Die Plattformen werden den Anforderungen, die es braucht, um eine demokratische und ausgeglichene Öffentlichkeit herzustellen, schlicht nicht gerecht. Nicht zuletzt, weil sie sich selbst nur als Intermediäre und nicht als «Gatekeeper» von öffentlichen Inhalten verstehen. Ziel der sozialen Medien ist es, ihre Nutzerinnen möglichst lang auf der jeweiligen Plattform zu halten. Deshalb entscheiden sie aufgrund von aufmerksamkeitsgetriebenen Algorithmen, wie sie Informationen und Mitteilungen gewichten. Dieser Bedeutungsverlust journalistischer Einordnung zugunsten von Aufmerksamkeit führt zum Verschwimmen von Nachricht, Meinung und Desinformation und begünstigt polarisierende, emotionale und im schlimmsten Fall aufhetzende Botschaften.

Konstruktive Debatte über die digitale Öffentlichkeit

Es braucht eine konstruktive gesellschaftliche Debatte darüber, was wir als Gesellschaft von den digitalen Gatekeepern eigentlich erwarten und wie wir das politisch umsetzen können. Dazu ist es notwendig, dass die Menschen verstehen, wie Social-Media-Plattformen funktionieren und welche Auswirkungen diese auf Gesellschaft, Öffentlichkeit und Demokratie haben. Dazu braucht es konkrete Projekte, welche die Menschen befähigen, sich kompetent in diesem neuen Raum zu bewegen, Desinformation zu erkennen und sich für eine konstruktive Debattenkultur einzusetzen. So setzt sich beispielsweise auch das Programm «Digitalisierung + Gesellschaft» der Stiftung Mercator Schweiz gemeinsam mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen für solche Projekte ein. Denn digitale Kompetenz ist unverzichtbar für einen aufgeklärten Umgang mit digitalen Plattformen und eine demokratische Neugestaltung digitaler Öffentlichkeit. 

Kontakt

Stiftung Mercator Schweiz
Riccardo Ramacci
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
+41 44 206 55 75
r.ramacci@stiftung-mercator.ch