Innovative Ideen brauchen Zeit, Raum – und Mut zum Scheitern

Aktuelle Mitteilung
16.12.2020

Innovation bedeutet, Neues auszuprobieren. Ein Projekt lernt aus jedem Versuch, jedem Erfolg und jedem Scheitern. Programme für gesellschaftliche Innovation wie der Prototype Fund, Kickstart, die Civic Challenge, der Versus Virus Incubator, die Farm-Food-Climate Challenge und unser Ideen-Labor geben engagierten Akteur.innen Raum für Experimente.

Eine zündende Idee allein reicht nicht, um etwas zu bewegen. «Viele gute Ideen verpuffen, bevor sie überhaupt die Chance haben, umgesetzt zu werden», bedauert Andrew Holland, Geschäftsführer der Stiftung Mercator Schweiz. Das liege nicht an der Qualität der Idee. Ebenso wenig am Engagement oder Durchhaltevermögen der Verantwortlichen. «Oft fehlen Menschen mit innovativen Ideen schlicht der Raum sowie die nötigen Instrumente und Kontakte, um ihre Ansätze weiterzuentwickeln.»

Wie kann man engagierte Menschen dabei unterstützen, ihre Ideen bis zur Umsetzungsreife zu bringen? Wie sehen förderliche Rahmenbedingungen für Innovation aus?

Um gesellschaftliche Herausforderungen zu bewältigen und festgefahrene Strukturen zu überwinden, braucht es mutige und unkonventionelle Ideen. Die Stiftung Mercator Schweiz möchte diese Ideen aufspüren. Sie möchte dabei helfen, dass sie Realität werden, Veränderungen anstossen und andere inspirieren. Dafür haben wir im Herbst 2020 erstmals unser Ideen-Labor organisiert. Zudem hat unsere Stiftung zusammen mit Opendata.ch den Prototype Fund initiiert und fördert mit dem Programm Kickstart, dem Versus Virus Incubator, der Civic Challenge und der Farm-Food-Climate Challenge vier weitere Initiativen, die zukunftsorientierte Lösungen suchen und die Verantwortlichen gezielt bei der Entwicklung und zum Teil auch bei der Skalierung ihrer Projekte unterstützen. 

Gemeinsamkeiten der sechs Programme

Die sechs Programme (sie werden unten ausführlich vorgestellt) zeigen trotz unterschiedlicher inhaltlicher Schwerpunkte und methodischer Ansätze einige Gemeinsamkeiten: Sie alle gehen auf die Bedürfnisse der einzelnen Vorhaben ein. Sie unterstützen die Teilnehmenden mit Coachings von Fachpersonen und einem individuellen Mentoring. Sie öffnen Türen zu relevanten Akteur.innen und Institutionen, um Kooperationen anzustossen, erfolgreiche Projekte zu implementieren und zu verbreiten. Zudem vernetzen sie die Teilnehmenden untereinander. «Es ist spannend zu sehen, wie die Teilnehmenden die Chance nutzen, voneinander und miteinander zu lernen», betont Andrew Holland. Die Teilnehmenden der Programme befinden sich alle in einer ähnlichen Situation, stehen vor ähnlichen Fragen und Herausforderungen. Sie können sich gegenseitig unterstützen, Erfahrungen weitergeben und auch mal ermutigen, wenn es nicht läuft wie geplant. Zugleich wächst eine engagierte Community zusammen, die sich auch über die Programmlaufzeit hinaus gegenseitig stärken und durch gezielte Kollaborationen etwas in der Gesellschaft bewegen kann.

Manche Innovationsprogramme sind als Wettbewerb ausgeschrieben. Die Aussicht auf eine finanzielle Förderung kann motivierend wirken. Wenn die Projektverantwortlichen dann tatsächlich gewinnen, können sie sich intensiv auf ihre Vorhaben konzentrieren – was die Entwicklung und Umsetzung der Projekte wesentlich beschleunigt. Bei allen Begleitangeboten, die die verschiedenen Programme prägen, darf man einen zentralen Hebel für gesellschaftliche Innovation nicht vergessen: Die Teilnehmenden können aus ihrem Alltag ausbrechen. Sie erhalten einen sicheren Rahmen, in dem sie ihre Ideen verfolgen, einfach mal etwas Neues ausprobieren – und dabei auch scheitern dürfen. «Innovation bedeutet auch, sich auf Risiken einzulassen. Fehlschläge gehören dazu», erklärt Andrew Holland. «Daraus lernen die Projekte, dadurch werden sie besser.»

Neue Wege in der Förderung

Für unsere Stiftung ist die Unterstützung von Projekten in der frühen Phase ihrer Entwicklung ein neuer – und vielversprechender – Ansatz: Statt auf das perfekte Fördergesuch zu warten, geben wir im Rahmen von Programmen für gesellschaftliche Innovation auch Vorhaben eine Chance, die auf dem Papier noch nicht ausgereift sind. Wir ermöglichen es den Verantwortlichen, neue Ansätze zu testen und ihre Projekte aufgrund der gemachten Erfahrungen laufend weiterzuentwickeln. Am Ende solch eines koordinierten Lern- und Testprozesses zeigt sich, welche Lösungen funktionieren und in einem nächsten Schritt verbreitet werden sollten. In diesem Prozess müssen wir uns als Stiftung ebenso wie die Projektinitiator.innen auf Entwicklungen einlassen, deren Ausgang ungewiss ist. «Dies ist nicht einfach», betont Andrew Holland. «Das erfordert Offenheit, Mut, eine gelebte Fehlerkultur – und durchaus auch etwas Glück.» 

Mehr Informationen

Zurzeit macht die Stiftung Mercator Schweiz Erfahrungen mit sechs verschiedenen Programmen für gesellschaftliche Innovation. Zwei davon haben wir selbst initiiert. Wir möchten mit den Programmen zur Entwicklung von Projekten zu unterschiedlichen gesellschaftlichen Themen ermutigen – und aus den verschiedenen analogen und digitalen Ansätzen lernen.

Prototype Fund

Der Prototype Fund Schweiz unterstützt innovative Open-Source-Projekte, die die demokratische Partizipation in der Schweiz durch digitale Lösungen stärken. Gesucht werden beispielsweise Projekte, die die politische Transparenz erhöhen, Bürger.innen befähigen und einbinden, die Partizipation fördern oder die Meinungsbildung unterstützen. Die Stiftung Mercator Schweiz hat das Programm zusammen mit Opendata.ch initiiert. Auf die erste Ausschreibung des Prototype Funds im März 2020 haben sich 61 Teams mit ihren Projektideen beworben. Die Jury hat mit CH+ Games for Democracy, owlly, FairElection, Q&A Bundeshaus und Voty fünf Projekte zur Unterstützung ausgewählt. Mit einer Förderung in Höhe von maximal 100'000 Franken können die ausgewählten Teams ihre Tech-Idee vom Konzept bis zum Prototypen umsetzen. Während der sechsmonatigen Prototyping-Phase erhalten die fünf Teams individuelle Coachings und Beratung sowie Unterstützung bei der Vernetzung mit Tech- und weiteren Communities. Alle zwei Wochen teilen die Teams in Videocalls ihre Erfahrungen, Erfolge und Tipps. Einmal im Monat vertiefen sie zusammen in Workshops Themen, die für ein erfolgreiches Prototyping relevant sind. Am 2. März 2021 stellen sie ihre Prototypen am «Demo Day» vor.

Die nächste Ausschreibung für den Prototype Fund startet Mitte März 2021. Im Sommer wählt die Jury wiederum fünf Teams aus, die dann ab September 2021 in die Prototyping-Phase starten.

Kickstart

Kickstart, ein Spin-Off des Impact Hub Zürichs, bringt jedes Jahr etwa 50 Startups und Intrapreneurship-Teams mit Partnern aus Unternehmen, Städten, Universitäten und Stiftungen zusammen. Ziel ist es, gemeinsam technologische Innovationen mit positiver gesellschaftlicher Wirkung voranzutreiben. Startups, die ihre Technologie, ihr Geschäftsmodell oder ihren Marktzugang mithilfe derartiger Kooperationen vorantreiben wollen, können sich für eine Teilnahme am Programm bewerben – und zwar in den Bereichen EdTech & New Work, Circular Economy, FinTech & InsurTech, Food & RetailTech, HealthTech sowie Smart Cities & Technology. Die 80 bis 100 vielversprechendsten Jungunternehmen werden zu einem Pitching-Event vor einer Expertenjury eingeladen – die etwa 40 bis 50 Besten schaffen es ins zehnwöchige Programm. Die Startups erarbeiten mit den Programmpartnern Kollaborationsmöglichkeiten, um die Entwicklung ihrer Innovationen zu unterstützen. Sie erhalten während des Programms persönliche Mentorings, Zugang zum Schweizer Innovationsökosystem, zu relevanten Netzwerken, Fachpersonen und möglichen Investoren. Regelmässig nehmen die Teams an Kollaborations- und Vernetzungsworkshops teil. Zudem können sie während des Programms die Infrastruktur und Büroräume im Kraftwerk des Impact Hubs Zürich nutzen. Die Stiftung Mercator Schweiz engagiert sich als Programmpartnerin im Bereich EdTech für neue Bildungstechnologien.

Versus Virus Incubator

Als die erste Welle der Coronakrise die Welt im Griff hatte, rief der Impact Hub Schweiz zusammen mit über 180 Partnerorganisationen zu zwei Versus-Virus-Hackathons auf: Über 5200 Personen mit unterschiedlichsten Hintergründen taten sich zu Teams zusammen und entwickelten innerhalb von 48 Stunden mit grossem Engagement Antworten auf die Krise. 282 Lösungen wurden am Ende vorgeschlagen. 50 dieser Projektteams unterstützte der Versus Virus Incubator von Mai bis November 2020 dabei, ihre Lösungen weiterzuentwickeln und zu skalieren. Das Inkubator-Programm war offen für alle Teams, die sich zu wöchentlichen Online-Sessions verpflichteten. Für das Programm setzten die Teilnehmenden sich eigene Ziele. Mit wöchentlichen Austauschtreffen bot ihnen der ausschliesslich online durchgeführte Inkubator eine Struktur, Motivation und wertvolles Feedback für die Arbeit an den Projekten. Vernetzungsmöglichkeiten mit den anderen Teams und mit erfahrenen Fachpersonen, Zugang zu Wissen und Kontakten, Weiterbildungen, individuelles Mentoring und Feedback brachten die Projekte weiter. 29 Teams gaben nach den Präsentationen des Finaltags am 6. November 2020 an, dass sie ihre Projekte weiterverfolgen werden. Mehrere haben während und dank des Inkubationsprozesses bereits eine Finanzierung gefunden, erste Kunden gewonnen oder wichtige Partnerschaften geschlossen. Mit dem Inkubator hat der Impact Hub Schweiz die Struktur für ein digitales, kollaboratives Förderprogramm entwickelt, das auch in Zukunft von verschiedenen Organisationen für andere gesellschaftliche Themen genutzt werden kann.

Farm-Food-Climate Challenge 

Die Farm-Food-Climate Challenge von ProjectTogether und der elobau Stiftung bringt mutige Projektinitiator.innen mit Fachexpert.innen und Partner.innen aus Wirtschaft, Politik sowie Zivilgesellschaft zusammen. Sie schafft eine lebendige Community, um den Agrar- und Ernährungssektor zukunftsfähig und klimafreundlich zu gestalten. Über 100 Initiativen sind im August 2020 in das neunmonatige Programm gestartet. Im Zentrum steht das pragmatische Lernen: Die Projektinitiator.innen entwickeln und erproben ihre vielfältigen Lösungsansätze – vom Humusaufbau und neuen organischen Düngemitteln über Big Data und Smart Farming bis hin zur Direktvermarktung und Vermeidung von Lebensmittelabfall. Mithilfe einer digitalen Plattform werden die Beteiligten vernetzt. Teams, die an ähnlichen Herausforderungen oder mit ähnlichen Lösungsansätzen arbeiten, bilden Peer Groups und teilen regelmässig ihre Erfahrungen. Jede Gruppe wird von Expert.innen mit Feedback, Kontakten und Expertise unterstützt. Zugleich erhält jedes Team ein individuelles Mentoring und kann auf der Plattform jederzeit Unterstützung – von Coachings und Kontakte über Sachleistungen hin zu Räumlichkeiten – anfragen. In regelmässigen Calls organisieren die Programmverantwortlichen Austauschmöglichkeiten mit Entscheider.innen aus Landwirtschaft, Ernährungssektor und Politik. Für Pilotierungen und die Implementierung erfolgreicher Ansätze bringt das Programm die Projekte mit Akteur.innen zusammen, die auf der Suche nach neuen Ansätzen für einen klimapositiven Landwirtschafts- und Ernährungssektor sind.  

Civic Challenge

Wie kann der öffentliche Dienst in der Schweiz für die Menschen verbessert werden? Auf der Suche nach Antworten hat der Genfer Think-tank civicLab einen nationalen Ideen- und Projektwettbewerb gestartet: Im Rahmen der civicChallenge können sich Mitarbeitende der öffentlichen Verwaltung mit einer innovativen Idee bewerben. Vier Monate sind die Verantwortlichen durch Schweizer Städte gereist, um auf einer Tournee ihr Programm bekannt zu machen – mit Erfolg: Bei der ersten Civic Challenge 2020 sind 71 Projektideen eingegangen. Zehn von einer Jury ausgewählte Teams konnten in einem fünftägigen Workshop ihre Projektideen mit Unterstützung von Innovationsexpert.innen ausarbeiten. Beim Finale am 26. November 2020 stellten die nominierten Teams ihre Ideen vor. Mit urbankit (Stadt Genf), Swissstudycheck (Kanton Waadt), pocketm8 (Stadt Winterthur) und x-plicator5000 (Amt für Integration und Migration Kanton Aargau) wählte die Jury vier Gewinnerprojekte aus. Die verantwortlichen Teams haben nun ein Jahr Zeit, um ihre Projektideen umzusetzen. Um den Start der Projekte zu beschleunigen, erhalten die Gewinnerteams jeweils einen Zuschuss von 30'000 Franken. civicChallenge arbeitet eng mit den Siegerprojekten zusammen, fördert den Austausch und unterstützt sie mit Coachings, damit sie zu erfolgreichen und gut dokumentierten Prototypen werden. Die Projektentwicklung des ersten Zyklus sollen als Inspiration für die Teilnehmenden des nächsten Runde der civicChallenge dienen.
 

Ideen-Labor

Um auch kurzfristig und unkompliziert die Entwicklung von Ideen und Projekten zu spezifischen Fragen zu fördern, haben wir – ergänzend zu den gross und oftmals über mehrere Monate angelegten Innovationsprogrammen – ein eigenes Ideationsformat geschaffen: Mit unserem Ideen-Labor bieten wir gesellschaftlichen Akteur.innen einen Raum, um innerhalb von nur wenigen Tagen Projekte zu entwickeln. Zugleich dient das Format der Vernetzung und Weiterbildung der Teilnehmenden. Angeleitet durch Coaches lernen sie Methoden des Design Thinkings kennen, die sie auch für ihre künftige Projektarbeit anwenden können. Getestet haben wir das Format erstmals im August und September 2020. Wir wollten in der ersten Ausschreibung des Ideen-Labors wissen: Was lernen wir aus der Coronakrise für Gesellschaft und Umwelt? Zehn Teams haben wir aus den Bewerbungen ausgewählt. Im ersten Workshop definierten sie ihre Problemstellung und Zielgruppen, zwei Wochen später in einem zweitägigen Workshop die Entwicklung passender Lösungen im Zentrum. Fünf Teams (Pädagogische Hochschule Graubünden, Mehr als zwei, Pusch, Myblueplanet sowie okaj zürich zusammen mit der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit und der Gemeinde Wädenswil) überzeugten am Finaltag die Jury und können nun mit finanzieller Unterstützung unserer Stiftung während drei Monaten ihre Prototypen testen und dabei Coachings in Anspruch nehmen.

Wir möchten das Ideen-Labor weiterentwickeln und Design-Thinking-Methoden künftig für weitere Fragestellungen einsetzen. Über Termine informieren wir rechtzeitig auf Website, via Newsletter und Social Media.

Kontakt

Stiftung Mercator Schweiz
Nadine Fieke
Kommunikation
+41 44 206 55 88
n.fieke@stiftung-mercator.ch